30. November 2017

Leben mit Migräne

Aktiv gegen Migräne

Der Umgang mit dem chronischen Schmerz

Der Schmerz kommt oft am Wochenende. Wenn ein Konzertbesuch geplant ist oder ein Ausflug ansteht, beginnt eine Kopfseite zu hämmern: Migräne. Je nachdem, wie intensiv die Schmerzen sind, geht für etliche Stunden nichts mehr. Viele Betroffene meiden Licht, Lärm und reagieren empfindlich auf Gerüche. Sie ziehen sich zurück, liegen im dunklen Zimmer, kämpfen mit der Übelkeit und sind erst wieder ansprechbar, wenn die Attacke nach Stunden oder gar Tagen vorüber ist. Partner, Kinder oder Eltern müssen meist tatenlos zusehen.

Unverständnis statt Mitgefühl

Da Angehörige kaum etwas für die Betroffenen tun können, schlägt anfängliches Mitgefühl nicht selten in Unverständnis um. Vor allem die Partner fühlen sich oft ohnmächtig, reagieren mit wenig Verständnis und nehmen es den Betroffenen nicht selten übel, dass sie sich aus dem Gemeinschaftsleben ausklinken – auch wenn dies unfreiwillig geschieht. Trotz hartnäckiger Vorurteile, die das Gegenteil behaupten: Kein chronisch Schmerzkranker „nimmt“ sich seine Migräne. Nur Betroffene wissen, wie sehr Migräniker darunter leiden, wenn sie in Familie und Beruf nicht funktionieren können.

Kommunikation ist wichtig

Um das gegenseitige Verständnis im Umgang mit der chronischen Erkrankung zu fördern, raten Experten wie die Neurologin Dr. Astrid Gendolla den Betroffenen, ihre Beschwerden nicht zu bagatellisieren, sondern offen darüber zu sprechen, wie sie sich während einer Attacke fühlen. Auch, was sie sichMigraene am Arbeitsplatz vom Partner, den Kindern oder Eltern wünschen, sollte deutlich formuliert werden. Mit entsprechender Rücksichtnahme können Angehörige die Betroffenen unterstützen, mit einer Migräneattacke besser umzugehen, und schmerzauslösende Faktoren wie beispielsweise Stress von ihnen soweit es geht fernhalten.

Rat aus der Selbsthilfegruppe

„Um dem Partner die eigene Befindlichkeit näherzubringen, kann möglicherweise der gemeinsame Besuch einer Selbsthilfegruppe sinnvoll sein“, betont Dr. Gendolla. „Am Arbeitsplatz sollte man ebenfalls über seine Krankheit sprechen“, rät die Essener Neurologin. Denn eine besondere Belastung für den Arbeitgeber seien Migräniker nicht: „Sie erledigen häufig in der beschwerdefreien Zeit mehr als andere und gleichen so mögliche Fehlzeiten wieder aus.“

Verlust von Lebenszeit

„Migräne gehört zu den zehn den Lebensalltag am stärksten beeinflussenden Krankheiten“, betont Professor Dr. Hartmut Göbel. „Auch wenn Migräniker als besonders leistungsfähig und leistungswillig gelten, geht durch die Erkrankung viel Lebenszeit verloren.“ Nach Ansicht des Experten bringt die durch eine Entzündung im Gehirn ausgelöste Schmerzkrankheit nicht nur den Betroffenen viel Leid, sondern zieht auch für die Gesellschaft wirtschaftliche Folgen nach sich. „Deshalb muss sich das Gesundheitssystem dieser Krankheit besonders annehmen und die breite Öffentlichkeit muss noch mehr als bisher über ihr Ausmaß informiert werden“ – so setzt der Chefarzt der Schmerzklinik Kiel darauf, dass die Erkrankung in Zukunft eine höhere Akzeptanz finden wird.

Auszeiten fürs Gehirn

Betroffene müssen insbesondere lernen, ihren Alltag zu strukturieren. Professor Göbel: „Ein geregelter Tagesablauf mit ausgewogener Ernährung, wenig Stress und regelmäßigen Pausen ist das A und O für das Gehirn von Migränepatienten. „Um dem Gehirn die gewünschten Auszeiten zu gönnen, könnten Sportarten wie Schwimmen, Radfahren, Laufen, Tai-Chi oder Yoga hilfreich sein, weil sie die Durchblutung anregen und das Abschalten fördern. Nach den Erfahrungen des Professors kommt jedoch bei vielen Patienten vor allem die progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen gut an, „weil dabei die Konzentration auf den Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung gerichtet wird und so ein Zustand tiefer Entspannung erreicht werden kann“. Unter www.neuro-media.de finden sich Tipps dazu.

Bei Migräneverdacht zum Arzt

Aktiv gegen Migräne

Auch die Behandlungssituation muss sich verbessern. „Die wenigsten Patienten sind mit zeitgemäßen Medikamenten versorgt“, betont Professor Göbel. „Das liegt nicht zuletzt daran, dass von zehn Betroffenen nur drei sicher wissen, dass sie Migräne haben.“ Nur anhand spezifischer diagnostischer Faktoren lässt sich Migräne von anderen Kopfschmerzformen unterscheiden. Um eine erste Einschätzung treffen zu können, kann schon ein Kopfschmerzschnelltest, wie er unter www.schmerzklinik.de oder www.aktivgegenmigraene.de zu finden ist, hilfreich sein. Bei jedem Migräneverdacht empfiehlt der Kieler Schmerzspezialist den Gang zum Arzt. „Andernfalls können nicht nur Depressionen, Schlafstörungen, Ängste und sozialer Rückzug, sondern auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck oder sogar ein Schlaganfall mögliche Folgen sein.“

Dem Schmerz die Grundlage entziehen

Da gewöhnliche Schmerztabletten häufig nicht helfen, werden heute als Mittel der Wahl zur Behandlung von Migräneattacken Triptane verordnet, die nach Möglichkeit zu Beginn eines Migräneanfalls eingenommen werden sollten – allerdings nur an maximal zehn Tagen im Monat. „Sie sind generell gut verträglich und können wesentlich zur Schmerzlinderung beitragen“, erklärt Professor Göbel. „Insgesamt gibt es sieben Triptane, die in verschiedenen Darreichungsformen als Tabletten, Schmelztabletten, Nasenspray oder Injektion verfügbar sind. Sie helfen, die Entzündung im Gehirn in den Griff zu bekommen, indem sie die Freisetzung von Entzündungsbotenstoffen stoppen und so dem Schmerz die Grundlage entziehen.“ Unter www.aktivgegenmigraene.de gibt es dazu weitere Informationen. In der Regel tritt die Wirkung binnen ein bis zwei Stunden ein. „Einige Studien zeigten, dass der Wirkstoff Rizatriptan vom Körper besonders schnell aufgenommen wird und eine hohe Zuverlässigkeit in der Wirksamkeit besitzt“, erklärt der Migräneexperte. „Der Wirkstoff ist als Tablette und als Schmelztablette erhältlich, die vor allem für die Anwendung unterwegs Vorteile bietet.“

Neue Erkenntnisse zur Migräneentstehung

Migräne ist eine neurobiologische Erkrankung, die bestimmte Mechanismen im Nervensystem auslöst. Betroffene haben häufig ein sensibles Nervensystem und sind nicht selten sehr leistungsfähig. Sie können auf verschiedene Reize besonders schnell reagieren, was sich zwischen den Attacken positiv auswirkt. Wenn Stress, übermäßige Aktivität und ein unregelmäßiges Leben zusammenkommen, kann ein Energiedefizit entstehen. Die Nervensteuerung bricht zusammen. Botenstoffe werden aktiviert, eine lokale Entzündung entsteht, jeder Pulsschlag wird zum Schmerz.

Quelle: djd.de (djd/pt)
Foto: djd/www.aktivgegenmigraene.de